3) Über die Art, Kranke zu behandeln.

Wenden wir uns jetzt zu Kranken und Leidenden. Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und bescheidne Wartung gewährt, der wird es nicht unnütz finden, daß ich ein paar Worte hierüber sage. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich aber freilich nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein passenden Regeln vorschlagen; doch soviel sich im ganzen über diesen Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden.

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufmunterung des Gemüts, Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Wartung das einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar sein möchte.

Ich gestehe, daß in schweren Krankheiten mir die Aufwartung bezahlter Wächter immer angenehmer gewesen ist als die sorgfältige, liebevolle Zudringlichkeit werter Freunde. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen und leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer lästig; wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns umzugehn; erregen unsre Ungeduld durch Fragen und machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kommt, daß der Gedanke, sie zu häufig zu bemühn, und die Furcht, sie zu beleidigen, wenn wir über etwas unzufrieden sind, uns einen peinlichen Zwang auflegen. Will man daher seinen Freund selbst pflegen, so suche man die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen und den Leidenden so wenig als möglich zu genieren, sondern alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu haben scheint. Man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune oder zänkisch wird. Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt.

Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Gemütsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer.

Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm sein würden, nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht teilnehmen kann.

Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle, denn das macht ganz verkehrte Wirkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Torheit bestärken, sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Teilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und wenn der Sitz des Übels im Gemüte ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen suchen.

Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine törichte Schwäche. Auf unmännliche, marzipanene Stutzer vielleicht, nicht aber auf verständige Menschen kann geistige und körperliche Gebrechlichkeit besonders vorteilhaft wirken, und nur in einem Zeitalter von allgemeiner Entnervung darf man auf den Gedanken geraten, durch Klagen über Mangel an Prästanz sowie durch blöde Augen, Blähungen und schwache Werkzeuge sich von einer artigen Seite zeigen zu wollen. Man suche solche Leute von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sei, Bewundrung als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein vorteilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das an Leib und Seele gesund, in seiner vollen Kraft zur Ehre der Schöpfung dasteht.

Endlich in Unpäßlichkeiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo Seelenleiden das Übel vermehren und die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte aufspannen, seine ganze Lebhaftigkeit in Bewegung setzen, um Heiterkeit, Mut, Trost und Hoffnung in das Gemüt des Kranken zurückzurufen.

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Über den Umgang mit Menschen


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Zweites Buch
Elftes Kapitel: Über das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen und Lagen.
3) Über die Art, Kranke zu behandeln.


1) Gegen Feinde, Beleidiger und Beleidigte.
2) Über den Umgang mit Leuten, die einander feind sind.
4) Über das Betragen gegen Arme, Leidende, Verlassene, Verirrte und Gefallene.

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