1) Ob Anhänglichkeit an Familie und Vaterland Vorurteil sei. Etwas über Weltbürger-Geist. Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band unter Eltern und Kindern gewesen. Wenngleich das Zeugungsgeschäft nicht eigentlich absichtliche Wohltat für die folgende Generation ist, so gibt es doch wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obwohl in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt zu sagen: die mannigfaltige Bemühung, welche dies erfordert und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder es sei nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns den Personen näherbringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen, die uns gefüttert, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit uns geteilt haben.

Unmittelbar darauf folgt die Verbindung unter den Zweigen eines Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch gestimmt und aneinander geknüpft, fühlen füreinander, was sie für Fremde nicht fühlen, und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Zirkel erweitert.

Vaterlandsliebe ist schon ein zusammengesetztes Gefühl, aber immer noch inniger, wärmer als Weltbürgergeist für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen Gesellschaft, als ein Abenteurer von Lande zu Lande irrend, kein Eigentum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen; wessen Herz nicht warm wird bei dem Anblicke der Gefilde, in welchen er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat - was für Interesse soll der wohl an dem ganzen nehmen, da Eigentum, Moralität und alles, was den Menschen auf dieser Erde irgend teuer sein kann, doch am Ende auf Erhaltung jener Familien- und Vaterlandsbande beruht?

Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als daß wir uns täglich weiter von der edeln Ordnung der Natur und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied aufstößt, weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und Polizei auflegen, behauptet, es sei des Philosophen würdig, alle engern Verbindungen aufzulösen und kein anders Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern; so überzeugt uns das von nichts weiter, als daß kein Satz so närrisch ist, der nicht in unsern Tagen in irgendeinem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde. - Glückliches achtzehntes Jahrhundert, in welchem man so große Entdeckungen macht als zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu sein brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universalarzeneien, der Philalethen, Philanthropen, Alchimisten und Kosmopoliten, wohin wirst du uns noch führen? Ich sehe im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehnlassen, um dem Fürsten eine Vorlesung zu halten über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des Lebens gemeinschaftlich zu tragen; ich sehe, wie jeder die ihm unbequemen Vorurteile wegräsoniert, wie Gesetze und bürgerliche Einrichtungen der Willkür weichen, wie der Klügere und Stärkere sein natürliches Herrscherrecht reklamiert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Unkosten der Schwächern geltend macht, wie Eigentum, Staatsverfassungen und Grenzlinien aufhören, wie jeder sich selbst regiert und sich ein System zu Befriedigung seiner Triebe erfindet. - O gebenedeites, goldenes Zeitalter! dann machen wir alle nur eine Familie aus; dann drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an unsre Brust und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich auch mit dem genievollen Orang-Utan Hand in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab, dann schwinden alle Vorurteile! Ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen; habe nicht nötig, mich mit einem Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten ist kein Hindernis, mein angebornes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns allen darreicht, in Ausübung zu bringen.

So weit sind wir nun aber noch gar nicht gekommen, und da es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die ihre Verwandten lieben und Sinn für häusliche Freuden und für das Familienband haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.

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Über den Umgang mit Menschen


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Zweites Buch
Zweites Kapitel: Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsverwandten.

1) Ob Anhänglichkeit an Familie und Vaterland Vorurteil sei. Etwas über Weltbürger-Geist.
2) Über das Betragen der Eltern gegen ihre Kinder.
3) der Kinder gegen ihre Eltern.
4) Über den Umgang unter Verwandten. Etwas von alten Oheimen und Basen.

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