16) Niederträchtigkeit derer,die junge Mädchen betrügen, täuschen, verführen, zu Grunde richten.

Es leben unter uns Männern Bösewichte, denen Tugend, Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wo nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indes ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl jeder einsehn, der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt, und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein anders, den Folgen nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen muß. Es glauben nämlich manche unter uns, es könne gar kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sagte, ihnen schmeichelte oder eine Art von Wärme und Herzensandringlichkeit aus Worten und Gebärden hervorleuchten ließe. Dies nährt nicht nur den ohnehin schon großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da eben diese Eitelkeit, die Überzeugung von der Macht ihrer Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält, so setzen die guten Dingerchen sich leicht in den Kopf, es sei ernstlich auf eine Heirat angesehn. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiratsanträgen hat fallenlassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das Mädchen ebenso unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin, die arme Verlassene, wenn getäuschte Hoffnung, fehlgeschlagene Erwartung an ihrem Herzen nagt, indes der süße Herr sorglos bei andern herumschwärmt und das Unglück nicht einmal ahnt, das er angerichtet hat.

Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zugrunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit sie ihrem Berufe gemäß sich beschäftigen sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertötet, oder ein junges Landmädchen durch reizende Darstellung der Stadtfreuden mit ihrer Lage unzufrieden macht. Da ich nicht bloß schreibe, um zu lehren, wie man angenehm, sondern auch, wie man nützlich im Umgange sein solle, so ist es Pflicht für mich, vor dergleichen zu warnen, und glaube mir, junger Mensch, sorgsame Eltern werden Dich segnen, Dich mit Freuden an der Seite ihrer Töchter sehn, ja, sie werden Dir ihr einziges Kind zutrauvoll zur Gattin hingeben, wenn Du meinem Rate folgst und Dich dadurch in den Ruf eines verständigen und gewissenhaften Jünglings setzest.

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Über den Umgang mit Menschen


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Zweites Buch
Fünftes Kapitel: Über den Umgang mit Frauenzimmern.
16) Niederträchtigkeit derer,die junge Mädchen betrügen, täuschen, verführen, zu Grunde richten.

1) Erklärung des Verfassers über das, was er etwa zum Nachteile des weiblichen Geschlechts in diesem Kapitel sagen müßte.
2) Umgang mit Frauenzimmern dient zur Bildung des Jünglings und gewährt reine Freuden.
3) Warum äußere und innere Vorzüge nicht immer das einzige sichre Mittel sind, uns in dem Umgange mit Frauenzimmern angenehm zu machen.
4) Die Frauenzimmer lieben an den Männern keine Infirmitäten; warum?
5) Warum man es den Damen nicht zum Vorwurfe machen solle, wenn sie sich für ausschweifende Männer interessieren?
6) Was für ein Anzug den Weibern an uns gefällt.
7) Man soll nicht mehrern Frauenzimmern zugleich einerlei Huldigung bezeigen;
8) Nicht in ihrer Gegenwart andre Damen von eben solchen Ansprüchen zu sehr loben.
9) Bestrebe Dich, ein angenehmer Gesellschafter zu sein, wenn Du den Damen gefallen willst! Schmeichelei gefällt ihnen vorzüglich wohl.
10) Über die Neugier der Weiber.
11) Wie man sich nach ihren Launen richten müsse? Man soll sich ihnen nicht aufdrängen.
12) Sie finden Vergnügen an kleinen Neckereien.
13) Man lasse ihnen den Triumph und beschäme sie nicht!
15) Wie man sich hüten könne nicht verliebt zu werden?
17) Über den Umgang mit Koketten und Buhlerinnen.
18) Etwas von gelehrten Weibern.
19) Über die Verstellung der Weiber.
20) Über alte Koketten, Prüde, Spröde, Betschwestern, Gevatterinnen.
21) Noch etwas im allgemeinen, von den Freuden im Umgange mit edlen und verständigen Weibern.

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