17) Über den Umgang mit Koketten und Buhlerinnen.

Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolg belohnt werden. Die Schlingen, denen man auszuweichen hat, sind unzählig. Ich wünschte, man flöhe diese Art Weiber wie die Pest; hat man aber einmal das Unglück, in dergleichen Fallstricke geraten zu sein, so wird man selten so viel kalte Überlegung haben, ehe man ein solches Geschöpf besucht, vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon das alles weit besser gesagt. - Doch ein paar Zeilen darüber. Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache oder irgendeine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Deiner selbst willen anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt und immer so befunden, wie Du wünschest, so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto sichrer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde als zur Wollust. Hast du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehn, stets treu befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edeln Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinst, Glanz, Eitelkeit auf - ei nun, die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue nicht, traue nicht! Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit für nichts achtet, wie kann die wahre Ehrfurcht für feinere Pflichten haben! Doch bin ich weit entfernt, alle unglücklichen Gefallenen und Verführten in die Klasse verachtungswerter Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen; es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung sei, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung geführt worden; allein es bleibt bei dieser Art von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte Besserung, und keine Lage ist demütigender und beunruhigender, als wenn man die Person, an welcher unser Herz hängt, von andern verachtet sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, die uns so teuer sind. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang mit edlen, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, wappnet sein verwöhntes Herz gegen studierte und freche Buhlerkünste. - Übrigens bleibt es doch immer gewaltig hart, daß wir Männer uns so leicht alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihn wollen, obgleich freilich für die bürgerliche Verfassung diese größre Strenge gegen das schwächere Geschlecht sehr heilsam ist.

Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß jedes Weib zu verführen ist? - o ja, so wie jeder Richter auf irgendeine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle inneren und äußeren Umstände dazu mitwirkten, zu jedem Verbrechen fähig sein würde. - Aber was heißt das etwas anders gesagt, als daß wir alle - Menschen sind? Überlegt man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer größre Reizung, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch höhere Tugenden vergessen machen können - o, wer wollte dann nicht dulden und schweigen? - Wenden wir uns zu einer erhabenern Klasse von Frauenzimmern - zu den gelehrten Weibern!

Hinter die Ohren schreiben >>

Über den Umgang mit Menschen


cover


Zweites Buch
Fünftes Kapitel: Über den Umgang mit Frauenzimmern.
17) Über den Umgang mit Koketten und Buhlerinnen.

1) Erklärung des Verfassers über das, was er etwa zum Nachteile des weiblichen Geschlechts in diesem Kapitel sagen müßte.
2) Umgang mit Frauenzimmern dient zur Bildung des Jünglings und gewährt reine Freuden.
3) Warum äußere und innere Vorzüge nicht immer das einzige sichre Mittel sind, uns in dem Umgange mit Frauenzimmern angenehm zu machen.
4) Die Frauenzimmer lieben an den Männern keine Infirmitäten; warum?
5) Warum man es den Damen nicht zum Vorwurfe machen solle, wenn sie sich für ausschweifende Männer interessieren?
6) Was für ein Anzug den Weibern an uns gefällt.
7) Man soll nicht mehrern Frauenzimmern zugleich einerlei Huldigung bezeigen;
8) Nicht in ihrer Gegenwart andre Damen von eben solchen Ansprüchen zu sehr loben.
9) Bestrebe Dich, ein angenehmer Gesellschafter zu sein, wenn Du den Damen gefallen willst! Schmeichelei gefällt ihnen vorzüglich wohl.
10) Über die Neugier der Weiber.
11) Wie man sich nach ihren Launen richten müsse? Man soll sich ihnen nicht aufdrängen.
12) Sie finden Vergnügen an kleinen Neckereien.
13) Man lasse ihnen den Triumph und beschäme sie nicht!
15) Wie man sich hüten könne nicht verliebt zu werden?
16) Niederträchtigkeit derer,die junge Mädchen betrügen, täuschen, verführen, zu Grunde richten.
18) Etwas von gelehrten Weibern.
19) Über die Verstellung der Weiber.
20) Über alte Koketten, Prüde, Spröde, Betschwestern, Gevatterinnen.
21) Noch etwas im allgemeinen, von den Freuden im Umgange mit edlen und verständigen Weibern.

nbsp; nbsp; nbsp; Besuchen Sie auch unsere Seite www.rilke.de!