14) Über den Briefwechsel mit abwesenden Freunden.

Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner Freunde, sonst scheint es, als habest Du aus Eigennutz, um den Genuß ihrer Unterhaltung zu schmecken, Dich an sie geschlossen. Sei nicht so nachlässig im Briefwechsel mit ihnen, als wohl manche Menschen es sind.* Wie leicht ist nicht ein Zettelchen beschrieben! Wer hat so viele Geschäfte, daß ihm nicht täglich wenigstens eine Viertelstunde frei bliebe? Wie erfreulich für einen entfernten Freund und wie wohltuend für uns selbst können aber nicht oft ein paar zärtliche, tröstliche Zeilen sein. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt sei, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort wird ihm willkommen sein, das Abdruck dessen ist, was in unsrer Seele vorgeht, und auf diese Weise wird uns ja die Trennung von geliebten Personen erträglich.

* Anmerkung: Wer sollte glauben, daß auch diese Stelle hätte mißverstanden werden können? Und doch ist das geschehn. Ein Rezensent machte dabei die Bemerkung: Mit ein paar aus bloßer Höflichkeit geschriebenen Zeilen könne wohl dem Freunde nicht gedient sein. - Das ist sehr wahr; aber habe ich denn das je behauptet? Folgendes ist der Sinn meiner Vorschrift: Da es Menschen gibt, die es ebensogut mit uns meinen, obgleich sie nicht schreiben, so ist es nicht unnütz, diese zu ermahnen, neben ihrem guten Willen, dem Freunde noch das Vergnügen zu machen, ihm auch zuweilen in einigen Zeilen zu sagen, was sie fühlen.

Eben diese Bewandtnis hat es mit der demselben Rezensenten aufgefallnen Stelle: »Laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder Verbindliches gesagt zu haben!« usf., welche Stelle ich deswegen in der neuen Ausgabe genauer zu bestimmen versucht habe.

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Über den Umgang mit Menschen


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Zweites Buch
Siebentes Kapitel: Über den Umgang unter Freunden.
14) Über den Briefwechsel mit abwesenden Freunden.


1) Über die Wahl der Freunde, in der Jugend und im reifern Alter.
2) Inwiefern zur Freundschaft Gleichheit des Alters, des Standes, der Denkungsart und der Fähigkeiten erfordert werde?
3) Warum sehr vornehme und sehr reiche Leute wenig Sinn für Freundschaft haben:
4) Rechne nie auf die dauerhafte Freundschaft solcher Menschen, die von unedlen, heftigen oder torichen Leidenschaften regiert werden!
5) Ob es so schwer sei, treue Freunde zu finden? Wie sie beschaffen sein müssen? Ob man deren viele antreffe?
6) Bestimmung der Grenzen der Anhänglichkeit für einen Freund.
7) Freunde in der Not.
8) Ob man seinen Freunden sein Unglück klagen solle?
9) Was wir tun sollen, wenn uns ein Freund seine Not klagt?
10) Grenzen der Vertraulichkeit.
11) Schmeichelei muß unter Freunden wegfallen, nicht aber Gefälligkeit. Man muß den Mut haben, Wahrheit zu sagen und anzuhören.
12) Vorsichtigkeit im Fordern und Annehmen von Freundschaftsdiensten, Wohltaten und Gefälligkeiten.
13) Wie man es anzufangen habe, daß wir unserm Freunde nicht überlästig werden, und daß der öftere, zu vertrauliche Umgang nicht widrige Eindrücke erzeuge? Daß man auch Trennung von geliebten Freunden ertragen lernen müsse.
15) Über Eifersucht in der Freundschaft.
16) Alles, was Deinem Freunde angehört, sei Dir heilig!
17) Man soll seine Freunde nicht nach der Wärme beurteilen, die sie äußerlich zeigen.
18) Man soll nicht ängstlich um Freunde werben.
19) Es gibt Menschen, die gar keine vertrauten Freunde haben, und andre, die jedermanns Freunde sind.
20) Vorschriften über die Aufführung, wenn Mißverständnisse unter Freunden entstehen.
21) Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, verlassen, oder wir uns in unsrer Meinung von ihnen betrogen glauben?
22) Betragen nach dem Bruche mit einem uns würdig befundenen Freunde.

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