7) Freunde in der Not.

Freunde, die uns in der Not nicht verlassen, sind äußerst selten. - Sei Du einer dieser seltenen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es vermagst, opfre Dich auf - nur vergiß nicht, was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und andre von Dir fordern. Aber tobe nicht, klage nicht, wenn andre nicht ein Gleiches für Dich tun. Nicht immer herrscht böser Willen bei ihnen. Ich habe vorhin gesagt, daß schwache und durch Leidenschaft beherrschte Menschen unsichre Freunde sind; doch wie wenige gibt es, die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten wären, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit an Dich mit Rücksicht nähmen auf Deinen äußern Ruf, auf Deine Verhältnisse, darauf, daß sie, wo nicht durch Dich geehrt werden, doch wenigstens nicht Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen.

Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protektion und Ratgeberrolle verwandeln - nun, so sei billig! Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre Abhängigkeit von äußern Umständen, auf die Notwendigkeit, heutzutage durch Gunst sein Glück zu machen, um bei den wahrhaftig teuren Zeiten fortzukommen. Wie wenig Menschen würden übrigbleiben, mit denen Du Hand in Hand auf dieser Erde durch dick und dünn wandeln könntest, wenn Du es so genau nehmen wolltest. Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten unser Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Torheiten verwickelt gewesen. Oft werden sie durch unsre widrige Lage grade so gestimmt, als sie immer hätten gestimmt sein sollen, das heißt: sie hören auf, uns so zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren, taten, solange wir von jedermann aufgesucht wurden und unsre Freunde wählen konnten. Ich habe in einigen blendenden Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdrängen gesehn, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewunderung auffingen, schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien und meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht alles das für bare Münze anzunehmen, sondern fest überzeugt zu sein, daß, wenn ich einst in eine weniger angenehme Lage kommen und sie meiner nicht mehr bedürfen, sie mir ganz anders begegnen würden. Ich irrte nicht, aber deswegen waren diese doch nicht insgesamt Schurken und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachte sie; aber manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem Auge und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte und einige Kälte in ihrem Betragen vielleicht ein wenig zu unsanft vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu werden, an mir zu arbeiten, und wahrlich, diese sind mir nützlichre, echtre Freunde gewesen als manche andre, die nicht aufhörten, mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken.

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Über den Umgang mit Menschen


cover
Auch gut: Der neue Knigge

Zweites Buch
Siebentes Kapitel: Über den Umgang unter Freunden.
7) Freunde in der Not.


1) Über die Wahl der Freunde, in der Jugend und im reifern Alter.
2) Inwiefern zur Freundschaft Gleichheit des Alters, des Standes, der Denkungsart und der Fähigkeiten erfordert werde?
3) Warum sehr vornehme und sehr reiche Leute wenig Sinn für Freundschaft haben:
4) Rechne nie auf die dauerhafte Freundschaft solcher Menschen, die von unedlen, heftigen oder torichen Leidenschaften regiert werden!
5) Ob es so schwer sei, treue Freunde zu finden? Wie sie beschaffen sein müssen? Ob man deren viele antreffe?
6) Bestimmung der Grenzen der Anhänglichkeit für einen Freund.
8) Ob man seinen Freunden sein Unglück klagen solle?
9) Was wir tun sollen, wenn uns ein Freund seine Not klagt?
10) Grenzen der Vertraulichkeit.
11) Schmeichelei muß unter Freunden wegfallen, nicht aber Gefälligkeit. Man muß den Mut haben, Wahrheit zu sagen und anzuhören.
12) Vorsichtigkeit im Fordern und Annehmen von Freundschaftsdiensten, Wohltaten und Gefälligkeiten.
13) Wie man es anzufangen habe, daß wir unserm Freunde nicht überlästig werden, und daß der öftere, zu vertrauliche Umgang nicht widrige Eindrücke erzeuge? Daß man auch Trennung von geliebten Freunden ertragen lernen müsse.
14) Über den Briefwechsel mit abwesenden Freunden.
15) Über Eifersucht in der Freundschaft.
16) Alles, was Deinem Freunde angehört, sei Dir heilig!
17) Man soll seine Freunde nicht nach der Wärme beurteilen, die sie äußerlich zeigen.
18) Man soll nicht ängstlich um Freunde werben.
19) Es gibt Menschen, die gar keine vertrauten Freunde haben, und andre, die jedermanns Freunde sind.
20) Vorschriften über die Aufführung, wenn Mißverständnisse unter Freunden entstehen.
21) Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, verlassen, oder wir uns in unsrer Meinung von ihnen betrogen glauben?
22) Betragen nach dem Bruche mit einem uns würdig befundenen Freunde.

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