13) Wieviel größre Vorsicht noch derjenige beobachten müsse, welcher nicht bloß in der großen Welt leben, sondern auch in derselben wirksam sein will?

Ich habe schon vorhin gesagt, daß unser Betragen in der großen Welt nach eines jeden individuellen Lage modifiziert werden müsse, und daß, was dem einen darin zu beobachten wichtig, für den andern vielleicht von gar keinem Belange sein könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, sondern wer auch wirken, sich emporarbeiten, regieren will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studieren. Da kann es äußerst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Partei oder (wobei man größtenteils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht zu werden und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vorteils nicht gewiß sind, wo nicht zu helfen, vielleicht gar zu schaden ist, unsre verfolgten Freunde allein kämpfen zu lassen und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. Da kann es nötig sein, sich anfangs sehr klein zu stellen, um nicht beobachtet, in unsern Plänen nicht gestört, vielmehr als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat als der von beßrer Art) befördert zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen als - Kaltblütigkeit, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkürlicher Aufwallungen und Gewalt über Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuerkopf herrschen. Aber diese schwere Kunst - wenn sie sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist - erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.

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Über den Umgang mit Menschen

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Auch gut: Der neue Knigge

Drittes Buch
Über den Umgang mit Hofleuten und ihresgleichen.
13) Wieviel größre Vorsicht noch derjenige beobachten müsse, welcher nicht bloß in der großen Welt leben, sondern auch in derselben wirksam sein will?


1) Hierher gehören die Bemerkungen über den Umgang mit Leuten, die in der sogenannten großen Welt leben, überhaupt. Bild der dort herrschenden Sitten.
2) Wer da kann, der bleibe fern von Höfen und großen Zirkeln! Und das steht öfter in unsrer Gewalt, als man gemeiniglich glaubt.
3) Will oder muß man aber in der großen Welt auf immer oder auf einige Zeit leben, ohne den Ton derselben annehmen zu können, so gibt es doch Mittel, sich geachtet zu machen. Welche sind diese?
4) Lebt man endlich immer in der großen Welt, so soll man sich in derselben nicht auszeichnen.
5) Wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehen dürfe?
6) Etwas über den heutigen Hofton junger Leute.
7) Verachte nicht alles, was bloß konventionellen Wert bat!
8) Der beßre Mann wird in der großen Welt nicht leicht unangetastet bleiben. Betragen dabei.
9) Sei in der großen Welt zuversichtlich frei und mache Dich gelten, doch ohne Unverschämtheit und Prahlerei!
10) Man messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen uns ab! Über Klatschereien.
11) Man sei höflich gegen sie, mache sich aber fürchten, setze sich in Ansehn und Würde und sage ihnen nach Gelegenheit die Wahrheit!
12) Noch einige Vorsichtigkeitsregeln über Vertraulichkeit und Offenherzigkeit!
14) Wozu das Leben in der großen Welt nützen könne?

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