5) Wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehen dürfe?

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehn dürfe. Ein verständiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemütsart und nach seinem Gewissen abmessen können. Doch nur soviel: Unschädliche Torheiten, die man nicht Lust hat nachzuahmen, hat man deswegen nicht immer Beruf, zu bekämpfen, und gleichgültige Gewohnheiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter haben, kann man, ja muß man zuweilen auf kurze Zeit mitmachen und darf sich das um so weniger übelnehmen, wenn man dadurch manches größere Gute zu bewirken in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in Literatur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, in dem Beifalle, den irgendeine Sängerin, irgendein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Schneider oder Friseur oft gegen Verdienst und Würdigkeit vom vornehmen großen Haufen einerntet, und es ist verlorne Mühe, diesem Modegeschmacke sich widersetzen zu wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdränge. Es gibt Moden im Gebrauche von Arzeneien, denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben - sei es, daß sie sich täglich klistieren oder in ein gewisses Bad und in kein anders reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgendeines Marktschreiers langsam vergiften. Lächle in der Stille darüber. Klistiere Dich unmaßgeblich auch ein wenig und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt. Wenigstens mache Dich mit diesen Moden bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen dagegen anzustoßen. Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theaternymphe tadelst, deren Gebrülle grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götterstimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein großes Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die grade in der Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen an, im fünfundzwanzigsten Jahre alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Zirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, philosophisches, ein Geschäftsgesicht mit in die Gesellschaft zu bringen. Kommen sie aber nahe an die Vierzig, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen - das alles muß man beobachten und seine Maßregeln danach nehmen.

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Über den Umgang mit Menschen

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Auch gut: Der neue Knigge

Drittes Buch
Über den Umgang mit Hofleuten und ihresgleichen.
5) Wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehen dürfe?


1) Hierher gehören die Bemerkungen über den Umgang mit Leuten, die in der sogenannten großen Welt leben, überhaupt. Bild der dort herrschenden Sitten.
2) Wer da kann, der bleibe fern von Höfen und großen Zirkeln! Und das steht öfter in unsrer Gewalt, als man gemeiniglich glaubt.
3) Will oder muß man aber in der großen Welt auf immer oder auf einige Zeit leben, ohne den Ton derselben annehmen zu können, so gibt es doch Mittel, sich geachtet zu machen. Welche sind diese?
4) Lebt man endlich immer in der großen Welt, so soll man sich in derselben nicht auszeichnen.
6) Etwas über den heutigen Hofton junger Leute.
7) Verachte nicht alles, was bloß konventionellen Wert bat!
8) Der beßre Mann wird in der großen Welt nicht leicht unangetastet bleiben. Betragen dabei.
9) Sei in der großen Welt zuversichtlich frei und mache Dich gelten, doch ohne Unverschämtheit und Prahlerei!
10) Man messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen uns ab! Über Klatschereien.
11) Man sei höflich gegen sie, mache sich aber fürchten, setze sich in Ansehn und Würde und sage ihnen nach Gelegenheit die Wahrheit!
12) Noch einige Vorsichtigkeitsregeln über Vertraulichkeit und Offenherzigkeit!
13) Wieviel größre Vorsicht noch derjenige beobachten müsse, welcher nicht bloß in der großen Welt leben, sondern auch in derselben wirksam sein will?
14) Wozu das Leben in der großen Welt nützen könne?

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