17) Oh man seiner Gattin sein Unglück klagen dürfe? Verhalten in wirklichen Unglücksfallen.

Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der, welcher der Glücklichste zu sein scheint, hat insgeheim Leiden mancher Art zu überwinden, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffene - gleichviel, aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenig Weiber haben Kraft genug, das Unglück standhaft zu leiden, guten Rat in der Not zu erteilen und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Übel durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz über das, was sein könnte, wenn es nicht so wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere Unannehmlichkeiten (mit Hauptunglücksfällen läßt sich das selten tun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den Kummer in Deinem Herzen. Es kann ja ohnehin ein gut geartetes Gemüt nicht erleichtern, wenn es andre, die es liebt, mit sich leiden macht; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird, wer sollte dann nicht lieber schweigen und seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Not, Schmerz, Krankheit zu, verfolgen Dich widrige Geschicke oder böse Menschen, o, dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf. Fasse Deinen Mut zusammen und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß. Wache über Deine Launen, damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse. Verschließe Dich in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird. Dort erleichtre Dich durch Tränen oder Gebet. Stärke und stähle Dein Herz durch Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise Entschließungen, und dann tritt hervor mit heitrer Stirne und sei der Tröster des Schwächern! Ach, es ist kein Elend in der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie Augenblicke übrigließe; ein gewisser Heroismus im Kampfe gegen das Unglück führt Freuden mit sich, die wahrlich das härteste Ungemach vergessen machen, und der Gedanke, andre zu trösten und aufzurichten, erhebt wunderbar das Herz, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit - ich rede aus Erfahrung.

Empfehlen Sie diesen Abschnitt per E-Mail weiter!

Über den Umgang mit Menschen
Zweites Buch
Drittes Kapitel: Von dem Umgange unter Eheleuten.
17) Oh man seiner Gattin sein Unglück klagen dürfe? Verhalten in wirklichen Unglücksfallen.


1) Gute Wahl der Gatten ist das sicherste Mittel zu künftigem Eheglücke, und das Gegenteil hat traurige Folgen.
2) Warum so manche in der Jugend mit sehr wenig Überlegung geschlossene Ehen dennoch glücklich ausfallen?
3) Ob vollkommene Gleichheit in Temperamenten und Denkungsart zu einer glücklichen Ehe notwendig sei?
4) Vorschriften, welche man beobachten soll, um sich einander immer neu, angenehm und wert zu bleiben.
5) Hauptregel: Erfülle sorgsam jede Deiner Pflichten!
6) Wie wir uns zu verhalten haben, wenn die liebenswürdigen Eigenschaften fremder Personen zu lebhafte Eindrücke auf unsre Ehegenossen machen.
7) Wie man sich gegen solche Eindrücke wappnen solle, besonders gegen die feinern Koketten; in der Jugend; im reifern Alter.
8) Eheliche Pflicht schließt aber nicht alle zärtlichen Empfindungen für andre Personen aus.
9) Man soll voneinander auch nicht Aufopferung alles eigenen Geschmacks, aller andern unschuldigen Neigungen verlangen, sich aber nach und nach in gleiche Stimmung zu setzen suchen.
10) Wie man wirkliche Ausschweifungen vermeiden solle?
11) Ob man Geheimnisse voreinander haben dürfe?
12) Jeder Ehegenosse soll seine angewiesenen Geschäfte haben.
13) Wie es mit Verwaltung der Kassen zu halten?
14) Wie aber, wenn ein Teil die Verschwendung liebt? Häusliche Sparsamkeit ist ein Mittel zum Eheglücke.
15) Ist es besser, daß der Mann oder daß die Frau reich sei? Ersteres! warum? Betragen gegen eine reiche Frau.
16) Ist es besser, daß der Mann klüger sei als das Weib, oder umgekehrt?
18) Betragen bei gar zu großer Ungleichheit der Denkungsart.
19) Wie man sich verhalten solle, wenn das Schicksal uns mit einer unmoralischen lasterhaften Person auf ewig verbunden hat.
20) Leide nicht, daß Fremde sich in Deine häuslichen Geschäfte mischen! Etwas über böse alte Schwiegermütter.
21) Über Verletzung ehelicher Treue und Ehescheidung.
22) Ob diese Regeln auch anwendbar auf die Ehen unter sehr vornehmen und sehr reichen Leuten sind.

    Besuchen Sie auch unsere Seite www.rilke.de!