21) Über Verletzung ehelicher Treue und Ehescheidung.

Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen als die Verletzung ehelicher Treue. Der Moralität nach und unsern religiösen und politischen Grundsätzen gemäß ist die Übertretung der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel als von der andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist freilich die Unkeuschheit einer Frau weit strafbarer als die eines Mannes. Jene zerreißt die Familienbande, vererbt auf Bastarde die Vorzüge ehelicher Kinder, zerstört die heiligen Rechte des Eigentums und widerspricht laut den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger unnatürlich als Vielmännerei sein würde. - Man hat nicht einmal in irgendeiner Sprache einen üblichen Ausdruck für das letztere. Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner Frau wirft zugleich Schande auf ihn als den Hausregenten - nicht umgekehrt also. Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, so dünkt mich, handelt ein Teil, der den andern für untreu hält, sehr unweise, wenn er durch Vorwürfe oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in Schranken halten will. Ist ihm um sein Herz zu tun, so muß er wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, durch das Gegenteil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen Besitz seines Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute, die durch kein edlers Band aneinandergeknüpft sind, finden tausend Mittel, sich zu hintergehn, und es ist daran nicht viel verloren. Insofern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung gekränkt werden, so ist wahrlich nach der Franzosen Meinungen die Hahnreischaft, wenn man die Sache weiß, sehr wenig, und wenn man sie nicht weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtraun zu beleidigen. Sollte aber Dein Unglück gewiß und Deine Schande nicht zu verbergen sein, so ist freilich kein andres Mittel als Trennung durch gerichtliche Hilfe oder durch gütliche Übereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren miteinander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht tun, ohne beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die Kinder haben, können nie sich trennen, ohne sehr nachteilige Folgen für die Bildung und zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder. Ist es daher irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen, es miteinander auszuhalten, so ertrage, leide und dulde man und vermeide öffentliches Ärgernis.

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Über den Umgang mit Menschen


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Zweites Buch
Drittes Kapitel: Von dem Umgange unter Eheleuten.
21) Über Verletzung ehelicher Treue und Ehescheidung.


1) Gute Wahl der Gatten ist das sicherste Mittel zu künftigem Eheglücke, und das Gegenteil hat traurige Folgen.
2) Warum so manche in der Jugend mit sehr wenig Überlegung geschlossene Ehen dennoch glücklich ausfallen?
3) Ob vollkommene Gleichheit in Temperamenten und Denkungsart zu einer glücklichen Ehe notwendig sei?
4) Vorschriften, welche man beobachten soll, um sich einander immer neu, angenehm und wert zu bleiben.
5) Hauptregel: Erfülle sorgsam jede Deiner Pflichten!
6) Wie wir uns zu verhalten haben, wenn die liebenswürdigen Eigenschaften fremder Personen zu lebhafte Eindrücke auf unsre Ehegenossen machen.
7) Wie man sich gegen solche Eindrücke wappnen solle, besonders gegen die feinern Koketten; in der Jugend; im reifern Alter.
8) Eheliche Pflicht schließt aber nicht alle zärtlichen Empfindungen für andre Personen aus.
9) Man soll voneinander auch nicht Aufopferung alles eigenen Geschmacks, aller andern unschuldigen Neigungen verlangen, sich aber nach und nach in gleiche Stimmung zu setzen suchen.
10) Wie man wirkliche Ausschweifungen vermeiden solle?
11) Ob man Geheimnisse voreinander haben dürfe?
12) Jeder Ehegenosse soll seine angewiesenen Geschäfte haben.
13) Wie es mit Verwaltung der Kassen zu halten?
14) Wie aber, wenn ein Teil die Verschwendung liebt? Häusliche Sparsamkeit ist ein Mittel zum Eheglücke.
15) Ist es besser, daß der Mann oder daß die Frau reich sei? Ersteres! warum? Betragen gegen eine reiche Frau.
16) Ist es besser, daß der Mann klüger sei als das Weib, oder umgekehrt?
17) Oh man seiner Gattin sein Unglück klagen dürfe? Verhalten in wirklichen Unglücksfallen.
18) Betragen bei gar zu großer Ungleichheit der Denkungsart.
19) Wie man sich verhalten solle, wenn das Schicksal uns mit einer unmoralischen lasterhaften Person auf ewig verbunden hat.
20) Leide nicht, daß Fremde sich in Deine häuslichen Geschäfte mischen! Etwas über böse alte Schwiegermütter.
22) Ob diese Regeln auch anwendbar auf die Ehen unter sehr vornehmen und sehr reichen Leuten sind.

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